Vertreter der Kimmeridge GmbH im Gespräch mit Bürgerinitiativen und bei Podiumsdiskussion

Der 15.April 2015 war für die Anti-Fracking-Bewegung in Nordniedersachsen ein denkwürdiger Tag. Nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen gelang es erstmals, ein Lebenszeichen von der ausführenden Firma Kimmeridge zu erhaschen. In zwei Gesprächen informierten sich zunächst Vertreter einiger Bürgerinitiativen über die Pläne der Firma, anschließend gab es im Freilichtmuseum Kiekeberg eine Podiumsdisskussion vor 150 Bürgern. Der Reihe nach:

Mit weitem Blick vom Mühlenberg über den Landkreis Harburg fand das Gespräch zwischen Bürgerinitiativen und Kimmeridge GmbH in der Dibbersener Mühle statt. Vertreten waren „Kein Fracking in der Heide“, „Heide intakt“ aus Amelinghausen und das „Gemeinnützige Netzwerk für Umweltkranke“. Vor fast zwei Jahren hatte die BI „Kein Fracking in der Heide“ versucht, etwas über die damalige Erlaubnisinhaberin „Blue Mountain Exploration LLC“ (BME) zu erfahren. Der Brief an die vorgebliche New Yorker Adresse kam zurück („unzustellbar“), der vom LBEG genannte Repräsentant der Firma (Rechtsanwalt Dr. Vieten aus Lingen) verwies kommentarlos weiter an die Firma Kimmeridge. Deren Auslandschef, Dr. McMahon, saß in London und schrieb der BI zwei Briefe mit Schweigegebot (Copyright!!), dann war wieder anderthalb Jahre Sendepause. Die BI bekam vom Aufsuchungsantrag nur eine weitgehend geschwärzte Version zu sehen. In der Zwischenzeit ging die Erlaubnis von Blue Montain auf Kimmeridge über, BME verschwand in der Versenkung, und die Aktivitäten der neuen Firma blieben ebenfalls weiterhin im Dunkeln. Das Gesprächsangebot von Kimmeridge löste sich in Luft (Gas? Methan?) auf. Ein erneutes Anschreiben der BI Anfang dieses Jahres führte nun doch zum Gespräch.

Die Herrren McMahon (Technischer Direktor Kimmeridge Energy, Geschäftsführer der deutschen Tochter Kimmeridge GmbH) und Vieten („Zustellungsempfänger“, sprich Briefkastendirektor) wollten als erstes wissen, wer denn die BI ist, wieviele Mitglieder sie hat (Mitglieder einer BI? Was soll man da sagen?), also kurz: Wer sind Sie eigentlich, Sie Bürger? Ein eher unverfrorener Beginn, aber die BIs hatten Kreide gefressen und erzählten. Dann erläuterte Kimmeridge, wie das mit Blue Mountain Exploration (BME) wirklich war: BME war nur ein „Vehikel“ für den dahinterstehenden Fonds (Alliance Bernstein). Man mache das immer so: Für einen Antrag gründet man eine Firma, wenn man die Erlaubnis kriegt, arbeitet sie weiter, wenn man sie nicht kriegt, wird die Firma wieder aufgelöst. Völlig normal (1). BME war registriert im Handelsregister von Delaware. Der kleine US-Staat verfügt über deutlich mehr Briefkästen als Einwohner und gilt als Steueroase der USA. Die BI war auf diese Eintragung 2013 schon mal gestoßen, hatte aber wegen der vom LBEG völlig anders angegebenen Anschrift die Identität verworfen: Nee, das können sie ja nicht sein. Vernebelung gelungen, erster Akt… oder auch: Wir sind darauf reingefallen (1a).

Herr McMahon wies dann in erstaunlicher Direktheit darauf hin, dass es wegen ihrer Öl-Suche für Kimmeridge ein Schock war, dass ihnen das ölhöffige Feld Meckeld mit der Aufsuchungserlaubnis drumherum nicht ebenfalls zugesprochen wurde.

Da war die Bewilligung für die Konkurrenzfirma BEB (Shell/Exxon) vorrangig, die hatten alte Lizenzen und brauchen keine Aufsuchung mehr, sondern können jetzt gleich einen Betriebsplan für die Förderung einreichen. Haben sie zwar bisher nicht, und sie müssten schon bald aktiv werden, sonst läuft der Bewilligungszeitraum im August 2015 aus. Es hörte sich so an, als wenn Kimmeridge darüber nicht böse wäre, vielleicht wäre für sie dann im zweiten Anlauf auch der Zugriff auf Meckelfeld möglich…

Derzeit läuft die Erkundungsphase im Feld Oldendorf (halb Landkreis Harburg, halb Kreis Lüneburg). Kimmeridge fasst die Daten zusammen, die bei früheren Bohrungen von anderen Firmen gewonnen wurden. Das sind zum Teil öffentliche Daten (soweit sie 1936-45 von den Nazis oder aber später in der DDR gewonnen worden sind). Alles neuzeitlich-westliche ist wirtschaftlich organisiert, also Betriebsgeheimnis. Letztlich geht es doch immer und allen (so Herr Vieten) ums Geldverdienen. Also muss Kimmeridge auch für die neueren westlichen Daten zahlen.

Die erste Erkenntnis, die Kimmeridge veröffentlichte (nach zwei Jahren Geheimniskrämerei): das Gebiet, das für sie interessant sei, wird deutlich kleiner. Der Süden der Felder Oldendorf und Lüneburg (unterhalb der Höhe von Salzhausen) sei wohl uninteressant für Ölsucher. So viel glaubt Kimmeridge aus den vorliegenden Daten lesen zu können. Interessant war aber auch, dass Kimmeridge auf direkte BI-Nachfrage kein Wort zu der Möglichkeit sagte, das Aufsuchungsfeld zu verkleinern (wie es die Firma PRD bei Schwarzenbek getan hat). Damit würden sich die Kosten für die Firma senken lassen. Wenn man dazu also nicht bereit ist – dann wird das seine Gründe haben. War die Aussage, im Süden werde man wohl nichts finden, nur ein Ablenkungsmanöver? Es wäre nicht das erste dieser Firma.

Der zweite Schritt nach dem Aktenstudium kommt jetzt in Gang. Zwar gibt es noch keinen Antrag auf Genehmigung eines Betriebsplans, aber die seismischen Untersuchungen stehen vor der Tür. Dabei wird eine Rüttelplatte unter einem Schwerlast-LKW in Schwingung versetzt und gibt diese an den Boden weiter. Die Echos werden über Geophone aufgefangen und interpretiert. Herr Vieten verglich die Rüttel-LKWs mit den Rüttlern, die man zum Befestigen eines Plattenwegs im Garten einsetzt. Das ist (vorsichtig gesagt) etwas verharmlosend, deshalb braucht man auch für den Einsatz der Seismik eine extra Genehmigung – und man braucht die Erlaubnis der Grundstückseigentümer, mit den LKWs und den Mikrophonen deren Grund und Boden zu betreten bzw. zu befahren. Vibroseismik kann Rohrleitungen im Boden (Wasserleitungen, Drainagerohre, Gasleitungen) beschädigen oder zerstören. Es stellt zudem durch Lärm und Vibration eine erhebliche Belästigung für die Anwohner dar. Aber: Wenn zu wenige Grundstückseigentümer den Zutritt gewähren, kann zur Durchsetzung des gesetzlich verbrieften Zugangs zu Rohstoffen das Landesbergamt (LBEG) auf dem Wege über weitere Verhandlungen (Moderation) oder Zwangsmaßnahmen aktiv werden. Nur: das dauert… Und Herr Vieten wies siegessicher darauf hin, dass der Widerstand ja nie flächendeckend sei und die Erfahrungen im Artland (bei Diepholz) gezeigt hätten, dass die Firmen sich letztlich durchsetzen. (2)

Herr Vieten verstand überhaupt nicht, wie die BI dazu kommt, bei dieser Frage der Betretungserlaubnisse für seismische Untersuchungen eine gesellschaftliche Komponente zu sehen. Er sah nur eine rechtliche: Die seismischen Untersuchungen genehmigt das LBEG (und an der Genehmigung von dort bestehen wenig Zweifel), die Bürger haben nur das Recht, über Zutritt oder nicht zu entscheiden. Aber hier geschicht noch etwas Anderes als die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Rechtsebenen. An dieser Schaltstelle haben wir eine erste direkte Begegnung zwischen der Firma und dem Bürger. Die Firma will etwas. Der Bürger will etwas Anderes. Das gibt Konflikte, und die sind bei Firmen extrem unbeliebt. Die Kosten steigen, die Zeitpläne werden über den Haufen geworfen, die Rendite-Erwartungen müssen aufgeschoben werden. Überhaupt kann Kimmeridge bei einem Öl-Preis nahe 50 Dollar/Barrel schwerlich wirtschaftliche Erwartungen bedienen. Lohnen würde sich das Bohren nach Öl eigentlich frühestens ab einem Preis von 70 Dollar/Barrel. Wann die Preise dorthin steigen werden, weiß niemand. Die Hoffnung stirbt zuletzt – aber Hoffnung ist ein Prinzip, mit dem man in Bilanzen nicht überzeugen kann.

Es geht bei den derzeitigen Aktivitäten von Kimmeridge noch nicht um Fracking, Lagerstättenwasser und direkte Einflüsse auf das Grund- und Trinkwasser. Die beruhigenden Töne, die daher von Kimmeridge ausgesendet werden, erinnern aber doch zu sehr an den abgegriffenen Witz vom Mann, der aus dem vierzigsten Stock des Hochhauses stürzt und beim Vorbeiflug am dritten Stockwerk sagt: „Bis jetzt ist ja alles gut gegangen!“.

Erste Bohrungen stehen zwar im weiteren Arbeitsplan von Kimmeridge (dort vorgesehen für 2016), aber ein genauer Zeitpunkt wird bisher ebensowenig angegeben wie der Ort. Eine wesentliche Rolle spielen die Kosten: eine Vertikalbohrung kostet gut zehn bis zwölf Millionen Euro, je nach Tiefe. Das Öl wird in einer Tiefe von 1800 bis 2800 Meter vermutet, weiter unten wäre Gas draus geworden. Eine Horizontalbohrung (bis zwei Kilometer oder so waagerecht unter Erde weitergeführt) wird deutlich teurer (3). Es war hingegen wenig strittig, dass Ölbohrungen gefrackt werden. Früher hat man die Ölförderung mit Säurezugabe aufgewältigt (das Öl floss dann besser). Wenn man heute von den verbliebenen Ölvorräten noch mehr fördern will, muss man abwägen: neue, teure Horizontalbohrungen – oder Fracking (oder beides)? Eine Probebohrung mit Fracking (das nach der vorliegenden Berliner Gesetzesplanung erlaubt wäre) will aus Kostengründen gut vorbereitet sein, und die Kimmeridge-Vertreter lehnten sich nicht so weit aus dem Fenster, dass sie eine Terminplanung mitgeteilt hätten. Zumal es manchmal reiche, nur zwei Meter unter der Oberfläche zu prüfen, wie Herr McMahon ausführte: Wenn vor langer Zeit Öl aus Muttergesteinen in größerer Tiefe migriert ist, dann steigt das nach oben, und irgendwann sind Spuren davon direkt unter der Erdoberfläche auffindbar. Aber solche Glücksfälle gehören eher ins Traumreich für Ölprospektoren.

Kimmeridge wird im übrigen ggf. angesetzte Bohrungen nicht selbst durchführen, sondern diese Aufgaben vergeben an ITAG, Schlumberger, Halliburton oder andere (4). Ob die Rechte an eventuell aufgefundenen Öl-Lagerstätten weiter gegeben werden an die großen Player wie Exxon, GdF Suez, RWE (oder gleich Gazprom) blieb offen.

Die von den BIs angesprochenen Gefährdungen für Leib und Leben der Bevölkerung war für die Kimmeridge-Vertreter offenbar ein neues, ihnen eher unvertrautes Kapitel der Öl- und Gasförderung. Zunehmende Belastungen in den Frackiung-Regionen der USA bringen dort erhöhte Zahlen bei Fehlgeburten mit sich, einzelne Krebsberkrankungen oder Autoimmunerkrankungen stehen im Verdacht, durch Boden- und Luftverunreinigungen im Zusammenhang mit Gasförderung inklusive Fracking begünstigt zu werden. Im Landkreis Rotenburg laufen die Untersuchungen, woher die nachgewiesene erhöhte Inzidenz von Non-Hodgkin-Lymphomen stammen könnte. Gas wird dort seit Jahrzehnten gefördert.

*

Fazit des ersten Teils: Das Gespräch der Bis mit den beiden Herren der Kimmeridge GmbH dauerte fast zwei Stunden und war lebendig, mit einer großen Bandbreite von freundlich bis aggressiv. Beide Pole wurden repräsentiert von jeweils einem der Kimmeridge-Vertreter. Herr McMahon war ein ruhiger, freundlicher Gesprächspartner, mit dem auch ein Witz gemacht werden konnte. Sein gepflegtes „british englisch“ war gut zu verfolgen, und er legte seinen Schwerpunkt auf die geologisch-wissenschaftlichen Themenbereiche. Seine Kollege war forsch, selbstgerecht und immer für einen Spruch gut, den er meist besser nicht gemacht hätte. Die Bis sind auch in der Lage, polemische und angriffslustige Formulierungen zu verwenden. Aber ihre Haltungen haben eine ethische Dimension, die dem vorrangig der Rendite verpflichteten Vieten abgeht. Als er abschließend davon sprach, unser Wirtschaftssystem sei auf Fortschritt und Rendite angewiesen und es sei kein Freizeitpark, wo man vom Verkauf der Eintrittskarten lebe, war eine Grenze erreicht. Wer wie wir die grundgesetzlich festgeschriebene Prävention und die im Wasserhaushaltsgesetz vorgesehene Besorgnis („keine Verschlechterung der Trinkwasserqualität!“) zur Grundlage seiner Bürgeraktivitäten macht, möchte nicht mit Sprüchen auf dem Niveau von „Das Leben ist kein Ponyhof“ diskriminiert werden. Es hatte den Anschein, dass Kimmeridge nicht wirklich darauf gefasst war, bei den BI-Vertretern auf derart sachkompetente und detailkundige Bürger zu treffen. Lassen wir der Firma Zeit, sich darauf einzustellen.

*

Eine Stunde später begann die Podiumsdiskussion im Freilichtmuseum Kiekeberg. Das Publikum war unerwartet zahlreich angereist: Nach Angaben des veranstaltenden Museums saßen 150 Bürger in der Agora des Museums, auf dem Podium die beiden Vertreter der Kimmeridge GmbH sowie Renate Mass und Ingo Engelmann von der BI „Kein Fracking in der Heide“ und die Wissenschaftler Prof Dr.-ing. (em.) Calmano (Abwasserchemiker und Mitglied der Fachgruppe Fracking in der Gesellschaft der Deutschen Chemiker) von der TU Harburg sowie Dr. Gerling von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Die Publizistin Tanja Busse leitete die Diskussion – was sich als Herkulesaufgabe erwies.

Die Diskussion lässt sich auf einen Hauptdisput zuspitzen: Dr. Vieten gegen das Publikum. Der freundliche Dr. McMahon neben ihm sprach in der ganzen Diskussion kein Wort, er ließ sprechen. Das war möglicherweise ein Fehler. Herr Vieten verglich die Risikotechnologie Fracking mit dem Straßenverkehr, wo viel mehr Risiken lauern (ein populistisches Schein-Argument, mit dem der Diskutant sein eigenes intellektuelles Niveau nicht anhebt). Er antwortete nicht direkt auf die Frage, ob er das angeblich lebensmittelreine Lagerstättenwasser trinken würde, sondern spottete: „Ich trinke das nicht, weil es mir nicht schmeckt. Ich trinke auch keine laktosefreie Milch.“ Er verweigerte Aussagen zu Fracking, weil das für Kimmeridge in so weiter Zukunft liege, das könne er noch gar nicht sehen (als wenn die Arbeitsplanung für die fünfjährige Aufsuchungsphase derart verschwommen wäre). Er wehrte alle Anmerkungen zur Rolle alter Bohrungen ab: „Alte Bohrungen – die sind doch von ganz anderen gebohrt, das ist doch nicht das Problem von Kimmeridge!“ Beim Thema der seismischen Untersuchungen malte er ein finsteres Bild von Nachbarschaftsbespitzelungen und Angriffen auf facebook und im Internet gegen die Grundstücksbesitzer, die mit Firmen kooperieren. Man bekam den Eindruck: Was die BIs planen, kitzelt das Schlechteste im Menschen hervor, und die Firmen müssen es dann geradebiegen. So ergab sich das Bild einer scheuklappig-firmenzentrierten Sicht- und Vorgehensweise, die den systemischen Anforderungen der Boden- und Wasserqualität in keiner Weise gerecht werden kann. Firmen, die so argumentieren, verlieren massiv weiter das Vertrauen der Bevölkerung, statt es zu vergrößern (was wünschenswert und dringend erforderlich wäre).

Eigentlich sollte an dem Abend beleuchtet werden, ob Fracking das Trinkwasser gefährde. Wo sei denn schon ein einziges Mal das niedersächsische Grundwasser geschädigt worden, hatte Herr Vieten die Bis schon am Nachmittag inquisitorsich befragt. Er verschwieg dabei, dass dieses blinde Vertrauen in die Wirtschaft seit Jahrzehnten ohne Daten, ohne Monitoring, ohne Qualitätskontrolle auskommen musste. Man hatte nichts gesehen, weil man nie nachgesehen hatte. Der Quecksilbergehalt des Lagerstättenwassers und der Abluft der Fackeln wurde von BIs und Naturschutzverbänden aufgedeckt. Die Altlasten wie Bohrschlammgruben wurden mit Hilfe von Bis gefunden usw.usw. Das Publikum fragte nach der Integrität alter und neuer Bohrungen: Wann wird der Beton um die Rohre in die Tiefe porös und es ergeben sich Wegsamkeiten für Öl und Lagerstöttenwasser nach oben in Grundwasserhorizonte? Trifft es die nächste oder erst die übernächste Generation, unsere Kinder oder Enkel? Wie groß ist der Wasserverbrauch der Risikotechnologie Ölbohren mit Fracking, und wer bezahlt dafür? Renate Maass von der BI „Kein Fracking in der Heide“ verwies auf die Vorbehalte der wasserfördernden Verbände im Landkreis Harburg ebenso wie des Landvolkes: Schon die seismischen Untersuchungen treffen hier auf Widerstand, weil Schäden an der eigenen Infrastruktur unter der Erde befürchtet werden. Noch ist die Beweislast im Schadensfall nicht umgekehrt, die Berliner Entwürfe bleiben mit der Ausweitung der Bergschadensvermutung auf halber Strecke stecken. Wie sieht es aus mit den Auswirkungen seismischer Untersuchungen auf Nachbargrundstücke (wo möglicherweiswe der Eigentümer dem widersprochen hat, er aber mit den Ausstrahlungen vom Nachbargrundstück rechnen muss?). Sind 0,2% Schadstoffe im Lagerstättenwasser viel oder wenig (5)?

Die anderen Podiumsteilnehmer beschränkten sich auf einige sachliche Schwerpunkte. Herr Calmano wies darauf hin, dass man im Flowback aus der Förderung ungefähr 2000 verschiedene chemische Verbindungen gefunden habe. 200 davon sind leicht flüchtig, gehen also sofort in unsere Atemluft ein. Die Interaktion der Stoffe ist weitgehend unbekannt – was wird daraus? Wie reagiert das, und was kann man tun, wenn was schiefgeht? In der Tiefe herrscht erheblicher Druck, und die Temperaturen steigen auf weit über hundert Grad Celsius. Was entstehen unter diesen Extrembedingungen für chemische Prozesse? Hier ist erheblicher Forschungsbedarf, ehe man mit der riskanten Technologie in größeren Maßstab arbeitet.

Herr Gerling von der BGR hatte eine schwierige Position. Seine Erfahrungen mit Frackvorgängen im Rahmen tiefengeothermischer Projekte waren an diesem Abend nicht so sehr gefragt. Aber er wurde immer wieder nach der Position des Landesbergamtes befragt, das ja im selben Gebäude wie die BGR in Hannover sitzt. Aber er musste immer passen – eine unglückliche Aufgabenstellung für den Wissenschaftler. Das Publikum grollte: Die grüne Kreistagsabgeordnete Bischoff stellte fest, das LBEG kneife. Anders konnte man es nicht verstehen, dass sich die Behörde vertreten ließ, die für viele unliebsame oder unverständliche Entscheidungen der letzten Jahre und Jahrzehnte immer wieder gescholten worden war. Die BGR befürwortet Fracking, das wusste jeder, der die Diskussion der letzten Jahre verfolgt hat. Im Gegensatz zum Sachverständigenrat für Umweltfragen, dem Umweltbundesamt und anderen offiziellen Gremien sieht es sich als Sachwalter der Industrie. Das wollte Herr Gerling vielleicht auch so direkt nicht vorbringen.

Renate Maass konzentrierte sich auf das eigentliche Thema des Abends. Sie verwies auf die eiszeitlichen Rinnen, die für die Entstehung unseres Trinkwassers im Landkreis Harburg und darüber hinaus eine wesentliche Rolle spielen. Sie sind mehr als zwanzig mal durch Ölbohrungen durchstoßen worden. An jeder dieser Bohrstellen droht Leckage (wie sie in den USA bei 10-40 Prozent der Bohrungen gefunden werden – je nach Alter der Bohrung zwischen wenigen Monaten und mehreren Jahren). Die Versalzung unserer Region ist an vielen Stellen schon bedrohlich fortgeschritten. Salzdiapire (aus der Tiefe aufsteigende Salzberge), Fenster in den oberen Tondeckschichten (wo eine Durchlässigkeit hin und her entsteht), Gülle und Kunstdünger, Elbvertiefung und Versalzung der Küsten (wodurch Heidewasser nach Hamburg und Hamburger Wasser nach Lübeck geleitet werden muss), – alles wirkt zusammen, und die Bürger dulden keine weiteren Belastungsfaktoren, stellte sie fest. Industrielle Altlasten im Landkreis Harburg sind teilweise bekannt, kommen manchmal erst bei Neubauvorhaben ans Tageslicht, andere lagern noch ganz unentdeckt. Die öffentlichen Interessen im Landkreis Harburg (Naturschutzgebiete, Wasserschutz- und Entstehungsgebiete, Siedungsgebiete, Tourismus usw.) sind so umfassend, dass für industrielle Ölförderung kein Platz bleibt.

Das Publikum war engagiert und beschränkte sich nicht auf Fragen, sondern bezog Stellung: gegen die Behördenwillkür des LBEG, gegen die Wackelpositionen von Politikern, gegen die Gewinnfixierung der Wirtschaft. Wenn dabei einer über das Ziel hinausschoss und den Firmen unterstellte, die Öl- und Gasförderung nur zu betreiben, um gezielt das Trinkwasser zu vergiften und dann Flaschenwasser von Nestlé vermarkten zu können, rief das nur ein Schmunzeln hervor. Viele im Publikum fanden sich in den kurzen abschließenden Worten des BI-Vertreters Ingo Engelmann wieder: Fracking und Öl- wie Gasförderung kann man nicht voneinander trennen, sie treten heutzutage immer gemeinsam auf. Öl und Gas haben keine sinnvolle Brückenfunktion auf dem Weg zur Energiewende. Fossile Brennstoffe sollen in der Erde bleiben. Unser Trinkwasser wird es uns danken. Kein Fracking in der Heide (und auch nicht anderswo).

Anmerkungen
(1) Normal für alle, die es nützlich finden, wenn Firmenstrukturen undurchschaubar sind, wenn man Zuständigkeiten schwer zurückverfolgen kann, wenn also kaum mal einer dingfest gemacht werden kann.
(1a) Dieses Mal wurde die Firma trotzdem zurückgezogen, obwohl die Erlaubnisse erteilt worden waren. Grund dafür dürften die nicht endenwollenden Recherchen der Bürgerinitiativen gewesen sein – der Firmenname war “verbrannt”.
(2) Er erzählte vorsichtshalber nicht von Sussex (Großbritannien), wo Gegner Straßen und Brücken besetzt haben, um die Befahrung der Aufsuchungsgebiete bei Gatwick zu verhindern. Und wieviele von den benötigten 1200 Betretungserlaubnissen, die die Firma PRD bei Sittensen (Rotenburg/Wümme) braucht, um dort ihre seismischen Untersuchungen zu starten, sie bis heute eingesammelt haben, weiß keiner – aber reichen tut es noch nicht, sonst hätten sie schon angefangen. Man sieht dort immer häufiger Schilder: „Betreten für Ölsucher verboten“ und ähnliche…
(3) Es fiel auf, dass die Kostenangaben der ansonsten zum Teil recht auskunftsfreudigen Vertreter von Kimmeridge an dieser Stelle völlig im Unklaren blieben. Wenn man mehr darauf hört, was nicht gesagt wird, als auf die gesprochenen Worte, dann bleiben hier interessante Fragezeichen.
(4) Auch hier bieten sich hervorragende Möglichkeiten, im Fall eines Falles die rechtlichen Verantwortlichkeiten jahrelang hin- und herzuschieben.
(5) Wenn man diesen Anteil auf die sechs Millionen m³ Lagerstättenwasser bezieht, die im Landkreis Harburg unter Maschen versenkt worden sind, dann sprechen wir von 12.000 m³ Schadstoffen. Um diese zu transportieren, bräuchte man 400 LKWs. Ist das viel oder wenig?

(Ingo Engelmann – gepostet 25.4.15, Update 26.4.15))

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