Alte Bohrlöcher: Industrieruinen im Untergrund

5. Oktober 2014 · 1 Kommentar

Wie gerne möchte man den beschwörenden Worten der Befürworter angeblich risikoloser Öl- und Gassuche glauben, dass in vergangenen Jahren bei der Förderung nur solide Arbeit abgeliefert wurde. Ein Blick in die Geschichte der Vorschriften zur Verfüllung alter Bohrlöcher gibt Zweiflern recht, dass man sich Zukunftssorgen über unser Trinkwasser in reinen Böden machen muss. Die Bundesanstalt für Geologie und Rohstoffsicherung (BGR) lieferte im Jahr 2010[1] einen Überblick, der eine verbesserte Überprüfung und Überwachung aufgegebener Bohrlöcher erforderlich macht.

Wir fassen im Folgenden den historischen Überblick der BGR zusammen und referieren abschließend die Schlussfolgerungen der BGR – konkrete Forderungen an die Gesetzgeber.

1904 gab es noch keine Regelung und Vorschrift, wie und womit Erdöl-Bohrungen zu verfüllen sind, sie sollten lediglich wasserdicht sein. Bis 1934 lag die Zuständigkeit für diese Maßnahmen noch beim Grundeigentümer (Gerechtsamer), der auf seinem Grund und Boden nach Erdöl suchen durfte.

1934 – 1944 regelte das sogenannte Reichsbohrprogramm den Übergang des Rechts zur Aufsuchung auf den Staat. Die Unterlagen über diese Bohrungen befinden sich bei der Rechtsnachfolgerin, der heutigen BGR (es geht um 871 „Reichsbohrungen“). Aus dieser Zeit ist bekannt, dass (wegen des im Krieg andauernden Rohstoffmangels) aus Altbohrungen Rohrtouren ohne Zustimmung der Bergämter herausgezogen wurden. Es gab aber ohnehin keine verbindlichen Vorschriften hinsichtlich der Verfüllung, der Abdichtung oder der Angaben über Zementbrücken in aufgegebenen Bohrlöchern.

Seit 1953 mussten Lagerstätten durch das Einbringen geeigneter Stoffe (Zement, Ton o. a.) 15 m ins Liegende und 30 m ins Hangende wasserdicht gegenüber dem wasserführenden Horizont verfüllt werden (Verfüllungsbericht). Zum Schutz der Erdoberfläche wurde eine 100x100x25cm starke Betonplatte vorgeschrieben (nicht in Torflagerstätten!).

Die nachfolgenden Tiefbohrverordnungen von 1963 und 1971 unterschieden sich unwesentlich von den Anforderungen von 1953.

1973 wurde in einer Richtlinie zur Verfüllung gefordert, dass der Zement mit guter Haftung an Verrohrung und Gebirge haften solle. Erstmalig benannt wurden notwendige Zementierungen von Bohrlöchern bei Lagerstätten mit Förderung von flüssigen oder gasförmigen Stoffen. Erforderlich waren auch detaillierte Berichte über Eckdaten der Verfüllung. Sie waren vier Wochen nach Aufgabe der Bohrung den Bergämtern vorzulegen. Die obersten Verrohrungen mussten nun bis 50 m mit Feststoffen gesichert werden und durch Betonplatten an der Oberfläche abgesichert sein. Aber es gab Gesetzeslücken: auf besondere Verfüllung gegenüber dem nutzbaren Süßwasserhorizont konnte verzichtet werden, wenn es mit herkömmlichen Mitteln technisch nicht durchführbar oder wirtschaftlich nicht zumutbar war (S. 68).

In den Jahren von 1970 bis 1979 wurden, gemäß den Verfüllungsrichtlinien, Unterlagen bei der Bergaufsicht archiviert, die beinhalteten

  • Unterlagen zur Bohrgenehmigung
  • Betriebsplan Teilverfüllung mit Kurzprofil, Verrohrung, Teilverfüllungsplan und Bohrlochbild sowie
  • Bericht über seismische Geschwindigkeitsmessung.

Ab 1980 war das Zementationsprogramm dem Bergamt vorzulegen und die Produktionsrohrtouren bis 100 m zu zementieren, sowie der Bohrlochmund zu zementieren, was durch Arbeitsprotokolle nachzuweisen und unverzüglich vorzulegen war. Der Bohrplatz war wieder urbar zu machen.

Die Verfüllungsrichtlinien wurden in den Folgejahren verändert und angepasst, aber entscheidend sind erst seit 2007 Unterlagen beizubringen und zu archivieren wie

  • Betriebspläne über Verrohrung und Bohrlochabweichungen
  • Geophonversenkungen qualifizierter Art zur Ermittlung seismischer Geschwindigkeiten
  • Bohrlochbild und geologisches Profil
  • Qualifizierter Report über Bohrlochabweichungen
  • Verfüllungsbericht
  • Betriebsplan über Restverfüllung mit Verfüllungsbericht, über Zementbrücken, Bohrlochbild
  • Übergabe des Bohrplatzes

Nun haben die Bergämter zwar alle, auch weiterführende Basisdaten der Bohrung archiviert, aber die wichtigen Bohrlogs sind weiter im Besitz der ehemaligen Bohrungseigentümer.

Besonders interessant ist das Ende der Bergaufsicht (gem. § 69 Abs. 2 BBG), wodurch die Bergbehörde grundsätzlich von der Zuständigkeit für eine Bohrung entbunden wird, wenn „ nach allgemeinen Erfahrungen nicht mehr damit zu rechnen ist, dass durch den Betrieb Gefahren für die in der Vorschrift genannten Rechtsgüter eintreten werden“( Rundverfügung LBEG 02/04).(S. 60).

Dabei bedarf es keines gesonderten Verwaltungsaktes zur Beendigung der Bergaufsicht.

Damit unterliegt danach das Bohrloch nicht mehr dem Bergrecht sondern dem allgemeinen Gefahrenabwehrrecht. Die Bohrlochunterlagen werden bisher nach Ablauf der Aufbewahrungspflicht nicht von den Berbaubehörden übernommen, da sie im Besitz der Eigentümer bleiben.

Die Bewertung der Dichtheit von Altbohrungen durch die BGR Studie besagt, dass

  • für die vor 1960 verfüllten Bohrungen keine auf Bohrlochmessungen basierenden Aussagen gemacht werden können
  • Informationen über die verwendete Zementqualität bei den Bergämtern nicht in Erfahrung gebracht werden konnten
  • Altbohrungen oft schlecht eingemessen und schwer auffindbar sind
  • aufgrund fehlender Informationen bei bis in die achtziger Jahre verfüllten Bohrungen keine verlässliche Einschätzung der Dichtheit möglich sind, wie es aber das heutige Bergrecht fordert (S.72)
  • Nachzementierungen potentiell undichter Bohrungen sind technisch möglich, aber aufwändig: Allein für die Aufwältigung einer 3000 m tiefen Bohrung (Aufbohren der Zementbrücken, Sohlenberäumung) sind derzeit 200.000-300.000 € anzusetzen (S.73/74)
  • eine Risikoanalyse müsse vorgenommen werden, die die Leckagepfade im Deckgebirge, sowie die Störungszonen berücksichtige, die den Aufstieg salinärer Formationswässer in den Trinkwasserhorizont (entlang der Störung ) berücksichtigen (S.75). Ebenso müssten Störfälle und ihre Auswirkungen berücksichtigt werden
  • eine Überwachung von Trinkwasseraquiferen müsse berücksichtigt werden.

Eine neue Gesetzgebung müsste auf diese Fachkritik reagieren. Jahrzehntelange Leichtfertigkeit bei der Verfüllung alter Bohrlöcher und deren Überwachung darf nicht einfach fortgesetzt werden. Warum werden hier die Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik nicht genutzt?

Nur die Risikoanalyse kann den Schutz des Trinkwassers und des Bodens für die Zukunft sichern. Solange sie unterbleibt, werden wir Verunreinigungen des Trinkwassers erst registrieren, wenn es zu spät ist.

Renate Maaß

 

[1] Auszug auf der Grundlage des BGR Berichts „Anforderungen und Vorschläge zur Erstellung von Leitfäden und Richtlinien für eine dauerhafte und sichere Speicherung von CO 2“ , August 2010, 251 Seitenhttp://www.bgr.bund.de/DE/Themen/CO2Speicherung/Downloads/stability-abschlussbericht.pdf;jsessionid=7283F20C9A300F8E185AA8D0CF5BE767.1_cid292?__blob=publicationFile&v=4

 

{ 1 Kommentar… lese ihn unten oderschreibe selbst einen }

Ingo Oktober 5, 2014 um 14:23

Schon interessant, dass dieselbe Bundesanstalt hier fachlich-kritische Vorschläge für politische Regelungen vorlegte – und heute ihr Präsident landesweit und global das Hohelied der risikoarmen Fracking-Technologie singt (kürzlich hat er gar seine Kollegen von den europäischen Geo-Anstalten hinter sich geschart). Man sollte tatsächlich (wie es MdB Miersch kürzlich in Hittfeld tat) immer mal wieder dran denken, wie die Stellungnahmen der BGR vor ein paar Jahren zu der Lagerung von Atommüll in der Asse oder in Gorleben ausgeseen haben – gruselig, davon hat sich diese Bundesanstalt noch lange nicht erholt!

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