Bürger und Kommunen gemeinsam gegen Seismik

22. Juli 2015 · Kein Kommentar

Sechzig Bürgerinnen und Bürger aus Stelle, Oldendorf, Raven und anderen Gemeinden im Aufsuchungsfeld Oldendorf kamen in das Feuerwehrhaus Ashausen. Auf einer Informationsveranstaltung der Bürgerinitiative „Kein Fracking in der Heide“ wurde ihnen der aktuelle Stand der Fracking-Vorbereitungen im Kreis Harburg vorgestellt. Dabei wurde klar: Um die Firma Kimmeridge zu stoppen, müssen nun Grundstückseigentümer und Kommunen aktiv werden.

In den Aufsuchungsfeldern Oldendorf und Lüneburg sucht Kimmeridge nach Ölvorräten, die dann mit moderner Risikotechnik aus der Erde geholt werden sollen. Zunächst aber müssen die Vorräte jetzt ausfindig gemacht werden. Daher will die Firma demnächst seismische Untersuchungen durchführen. Dazu muss Kimmeridge mit 25 Tonnen schweren Spezialfahrzeugen öffentliche Straßen nutzen und Grundstücke befahren. Das kann man als Eigentümer, als Kommune (Gemeindestraßen) oder als Landkreis verbieten. Die BI verkaufte an diesem Abend einen ganzen Schwung gelber Schilder „Seismologische und geophysikalische Untersuchungen untersagt – Betreten verboten!“, mit denen in der nächsten Zeit Zäune und Tore versehen werden sollen. Demnächst wird dieses Schild auf der Homepage www.kein-fracking-in-der-heide.de zum eigenen Ausdrucken zur Verfügung gestellt.

Kein Betreten pur
Besonders die anwesenden Landwirte interessierten sich für Möglichkeiten, ihre Drainage-Rohre und Bewässerungssysteme vor Erschütterungsschäden zu bewahren.

„Außerdem wird damit ein Zeichen gesetzt, dass wir in unserer agrarisch und touristisch geprägten Region keine Ölförderung wollen“, so eine Stimme aus dem Publikum. Es sollen Formblätter erstellt werden, mit denen Eigenheimbesitzer oder Landwirte dem Landesbergamt (LBEG) und der Firma mitteilen können, dass sie das Betreten ihrer Liegenschaft nicht gestatten.

Das Begehungsverbot ist kein endgültiges Aus für die Firma: Das LBEG kann ein Verbot außer Kraft setzen, wenn öffentliche Interessen das erfordern. Und für das LBEG besteht öffentliches Interesse vor allem im Interesse der Wirtschaft, mit Rohstoffen Geld zu verdienen. Die Interessen der Bevölkerung stellt das LBEG gemeinhin hintan. Aber es dauert Zeit, die Verbote (wenn sie ausreichend massenhaft ausgesprochen werden) durch Entscheidung des LBEG zu ersetzen. In Sittensen hat das ausgereicht, um den Zeitplan der Firma PRD gehörig durcheinander zu bringen, die Firma hat daraufhin das für seismische Untersuchungen vorgesehene Gebiet deutlich verkleinert und macht nun einen zweiten Anlauf.

In ihrem fachlich anspruchsvollen Referat erläuterte Renate Maass von der BI, welche weiteren Verfahren insbesondere diese Firma Kimmeridge mit ihrem neuen, wissenschaftlich ausgewiesenen Mitarbeiter entwickelt: Die Analyse von Bohrkernen aus den letzten Jahrzehnten ermöglicht mit neuen Computerberechnungen die Konstruktion von Modellen, wie die Gesteinsschichten hier aussehen und wo konkret Lagerstätten zu erwarten sind. Und dann kommen die Probebohrungen.

Von der Seite der Bürgerinitiative sollen Gemeinde- und Stadträte sowie Kreistag über die Thematik informiert und zur Stellungnahme aufgefordert werden. Erfahrungen aus benachbarten Regionen (Sittensen, Walsrode, Brandenburg) machen Mut, den Widerstand der Bürger und ihrer Vertreter in den Räten auf diese Art zu zeigen. Zuletzt hatte in Brandenburg die Aufsuchungsfirma Celtic GmbH aufgegeben, weil die Gemeinden konsequent die Zusammenarbeit verweigert und die Nutzung gemeindlicher Straßen untersagt hatten (1). In Walsrode weigert sich die Bürgermeisterin, der Firma Exxon das Befahren öffentlicher Straßen zu genehmigen – Exxon möchte dort doppelt so viel Lagerstättenwasser in geringer Tiefe versenken wie bisher (2). Die Anwesenheit zahlreicher Mitglieder des Steller Gemeinderats und auch des Kreistags zeigte, dass die Gemeinde- und Stadträte wach sind. Renate Maass fasste die Haltung der Anwesenden gegenüber der Aufsuchung und Förderung von Erdöl im Kreis Harburg knapp zusammen: „Dat wullt wi nich!“

Ein weiteres Thema der Informationsveranstaltung war die Unklarheit über die weitere Zukunft des Bewilligungsfeldes Meckelfeld, das die Gemeinden Seevetal und Stelle betrifft. Die momentan nicht genutzte Bewilligung kann jederzeit weiter zur Ölförderung eingesetzt werden. Aber die Bewilligung endet am 15. August 2015, und die Firma BEB (je zur Hälfte Shell und Exxon gehörend) hat sich bisher nicht erklärt, ob sie die Bewilligung auslaufen lässt oder im letzten Moment einen neuen Betriebsplan vorlegen will. Es geht dabei übrigens um das Gebiet mit dem äußerst seltenen Vorkommen von Schachbrettblumen in der Seeveniederung. Entweder würde das bei Förderung anfallende Lagerstättenwasser gleich hier wieder in die Erde verpresst – oder mit dem Abwasser von GdF Suez (Fleestedt, (2)) nach Harburg transportiert, wo es in einem Sinstorfer Wohngebiet versenkt wird. Da gibt es nur eine vernünftige Option: Schluss mit der Förderung!

(1) http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1401449
(2) www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/Walsrode-laesst-ExxonMobil-nicht-auf-die-Strasse-,fracking660.html
(3) Um ganz korrekt zu sein: das Abwasser von Engie – denn seit einem Vierteljahr hat GdF Suez den neuen Namen „Engie“ angenommen (nicht Angie!). Was das bedeutet, weiß ich nicht – aber die Firma sagt, der Name weise in die Zukunft: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2015-04/33513972-gdf-suez-aendert-namen-in-engie-015.html

(Ingo Engelmann)

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