Gasbohren: jetzt aussteigen!

oder:
Sah ein Knab ein Bohrturm stehn…

Amelinghausen ist ein Erholungsort mitten in der Lüneburger Heide. Es liegt aber auch mitten im Aufsuchungsfeld Oldendorf, wo die amerikanische Firma Kimmeridge mit ihrer deutschen Tochter nach Öl sucht. Und wenige Kilometer weiter hat der Weltmarktführer Exxon schon mit seismischen Untersuchungen begonnen – im heutigen Aufsuchungsfeld von Kimmeridge. Welche Pläne zur Zusammenarbeit mag es da schon geben?
Das gemeinnützige Netzwerk für Umweltkranke Genuk e.V. hatte am Dienstag, 21.10.2014, die Bürgerinitiative „Kein Fracking in der Heide“ aus dem benachbarten Landkreis Harburg eingeladen, um über das Thema Fracking und die Situation rund um Amelinghausen und die Totenstatt Oldendorf zu informieren. Die Veranstalterin Kathrin Otte und die Referenten waren überwältigt: die Lopautalhalle war mit deutlich über hundert neugierigen und interessierten Zuhörern bestens gefüllt.
Die Samtgemeinde Amelinghausen in Person des Bürgermeisterverteters wünschte der Versammlung einen guten Verlauf. Der Samtgemeinderat hatte sich schon 2012 gegen Fracking auf dem Gemeindegebiet ausgesprochen. Die Politiker und die Verwaltung sind entschlossen, den weiteren Verlauf aufmerksam zu beobachten.
Im Anschluss führte Rüdiger Schmidt von „Kein Fracking in der Heide“ mit Powerpoint-Unterstützung in die Thematik ein. Entwicklungen in den USA, der Stand in Niedersachsen und im Aufsuchungsfeld Oldendorf wurden skizziert. Renate Maass zeigte dann anhand einiger Querschnitte durch die Bodenformationen rund um Amelinghausen, wie die geologische Situation hier durch Salz-Diapire bis kurz unter der Erdoberfläche gekennzeichnet ist. Diese Salzdome zeichnen sich durch Instabilität aus,
die geologische Lage in der Heide ist nicht sehr zuverlässig. Die Altstadt des nahe gelegenen Lüneburg legt beredtes Zeugnis darüber ab.
Die Hinweise auf die öffentlichkeitsscheue und bisher durch Tricksereien unangenehm aufgefallene Firma Kimmeridge waren keinesfalls geeignet, die anwesenden Bürger zu beruhigen. Auch wenn die BIs in den letzten zwei Jahren einige Erfolge errungen haben, bleibt Sorge die vorherrschende Stimmungslage. Denn die Pläne der niedersächsischen Landesregierung, durch bessere Sicherung der Wasserschutzgebiete und verschärfte Umweltverträglichkeitsprüfungen Schäden möglichst zu verhindern, gehen sicher nicht weit genug. Das Problem der Entsorgung giftigen Lagerstättenwassers ist mehr denn je in der Schwebe. Die Umkehr der Beweispflicht bei Bergschäden durch Erdbewegung (die in verschiedenen Gegenden Niedersachsens bereits wiederholt aufgetreten sind) ist bisher politisch nur in der Planung, aber immerhin hat ein Schlichtungsausschuss mit Vertretern von Behörden, Wirtschaft und Bürgerinitiativen mittlerweile seine Arbeit aufgenommen.
All das geschah bisher in der Hoffnung, Schlimmeres vielleicht doch noch verhüten zu können. In den letzten Wochen hat sich diese Lage aber dramatisch verändert. An allen Ecken und Enden tauchen Altlasten auf. Es zeigen sich Schäden an Natur: Naturschützer und BIs wiesen Quecksilber-Kontaminationen um Bohrplätze nach, die die Betreiber und das Landesbergamt immer übersehen hatten. Alte Bohrlöcher sind unzureichend gesichert, und es liegen ölhaltige Schlämme direkt unter der Oberfläche von Äckern und Wäldern. Viel schlimmer noch sind die eingetretenen Schäden an der Gesundheit von Menschen. Im Umfeld von Förder- und Versenkanlagen im Kreis Rotenburg sind Verdoppelungen der Raten bei bestimmten Krebserkrankungen nachgewiesen. Die Zahlen sind statistisch so eindeutig, dass niemand sagt, das könne Zufall sein. Genuk e.V. mit Kathrin Otte sowie die BIs vor Ort in Wittorf und umzu haben bewiesen: der Schadensfall ist längst eingetreten. Und all das geschah seit Jahrzehnten ohne das noch riskantere Fracking, einfach im Alltag der konventionellen Öl- und Gasförderung. Es muss daher ein Moratorium der Förderung von Gas und Öl erlassen werden, bis die Gesundheitsgefährdung genauer erkundet worden sind und Behandlungs- und Präventionsmaßnahmen greifen. Das wird einige Jahre dauern. Bis dahin gilt: Kein Gasbohren, auch nicht in Amelinghausen und der Heide! Dieser Zielsetzung stimmten die Anwesenden in einer Resolution zu. Eine Gruppe von Bürgern wird sich weiter treffen, um an dem Thema in ihrer Heimatgemeinde weiter zu arbeiten (Kontakt über vorstand@genuk-ev.de oder über www.kein-fracking-in-der-heide.de).
Sah ein Knab ein Bohrturm stehn… Der Knabe, der das Röslein auf der Heiden brechen wollte, soll sich aus dem Staub machen!

(Ingo Engelmann)

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. „Viel schlimmer noch sind die eingetretenen Schäden an der Gesundheit von Menschen. Im Umfeld von Förder- und Versenkanlagen im Kreis Rotenburg sind Verdoppelungen der Raten bei bestimmten Krebserkrankungen nachgewiesen. “

    Hier wird wieder einmal ein nachgewiesener Zusammenhang mit der Erdgasförderung suggeriert. Dabei wurde im bericht des Epidomologischen Krebsregisters Niedersachsen festgestellt: „Aussagen zur Ursache von lokalen Krebshäufungen sind mit Analysen, die sich ausschließlich auf Krebsregister -Routinedaten beziehen, nicht möglich.“

    Außerdem ist die pauschale Behauptung falsch, dass bei bestimmten Krebserkrankungen Verdoppelungen aufgetreten sind. Diese Aussage ist nur zutreffend für die Erkrankungsgruppe „Leukämien und Lymphme“ und von der Verdoppelung sind nur Männer betroffen. Bei Frauen trat in der Gruppe stattdessen eine leichte Unterschreitung des erwarteten Wertes auf.

    Quelle Kurzfassung des Berichtes des EKN: http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/bothel102.pdf

    Es ist immer wieder erstaunlich festzustellen, mit welcher Dreistigkeit Bürgerinitiativen Tatsachen verdrehen, um ihre Anliegen durchzusetzen.

  2. Nur der Form halber: Widerspruch gegen diese Gedankenakrobatik mit akuter Absturzgefahr wäre lang und um fassend möglich. Ich verschwende meine Zeit aber nicht mehr für Herrn Arndt, der dadurch nur die Kapazitäten der BIs schmälern will.

  3. Auch wenn Sie aus welchem Grund auch immer sich nicht mehr meinen Argumenten stellen möchten, habe ich dennoch eine Frage:

    Sie schreiben: „Es liegt aber auch mitten im Aufsuchungsfeld Oldendorf, wo die amerikanische Firma Kimmeridge mit ihrer deutschen Tochter nach Öl sucht. Und wenige Kilometer weiter hat der Weltmarktführer Exxon schon mit seismischen Untersuchungen begonnen – im heutigen Aufsuchungsfeld von Kimmeridge. Welche Pläne zur Zusammenarbeit mag es da schon geben?“

    Ähm, wo konkret hat die EMPG mit seismischen Untersuchungen im Aufsuchungsgebiet dieser Briefkasten-Schießbude „Kimmeridge“ begonnen? Das darf die EMPG überhaupt nicht, schließlich ist Kimmeridge Lizenzinhaber.

    Ich bitte Sie um Antwort, ansonsten frage ich bei der EMPG nach.

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