Globalisierung im Landkreis Harburg oder: Die Chinesen in der Heide

Der Verkauf von Teilen der Firma Engie E&P an die englische Neptune Gas&Oil ist ein normaler Vorgang. Einerseits. Aber die Transaktion gliedert sich in ein internationales Muster, dessen Auswirkungen möglicherweise auch bis in den Landkreis Harburg reichen können.

Die kleine Kimmeridge Energy hatte mit ihrer deutschen Tochter in Niedersachsen Vorarbeiten für die Erschließung neuer Ölfelder sowie die Wiedereröffnung alter Bohrstellen geleistet. Als das so weit fortgeschritten war, dass ein Verkaufsinteresse von anderen Förderunternehmen entstand, verkaufte die dahinter stehende AllianceBernstein-Fondsgesellschaft aus den USA den deutschen Zweig. Käufer war eine österreichische Ölfirma, die zu einem Drittel zu Uniper gehört, der „bad bank“ des Energieriesen e.on, in der die ungünstigeren Risiken des Konzerns zusammengefasst wurden. Damit ist schon mal gesichert, dass nicht die Interessen des Landkreises Harburg im Mittelpunkt der Geschäftsaktivitäten stehen, sondern die unübersichtlichen Firmenstrategien großer Unternehmen. Mal sehen, was für uns da abfällt.

Der Verkauf von Engie weist ebenfalls die engen Verstrickungen mit dem weltweiten private equity-Geschäft auf. Diese Fondsgesellschaften handeln mit allem, was sich kaufen und verkaufen lässt – Hotelketten, Ölfelder, Pharmafirmen, Elektronikmarken und so weiter. Es geht um Rendite und um das Einsammeln von Investititionsmitteln. Diese stammen von Privatpersonen, Geschäftskonten oder Börsentransaktionen. Es handelt sich also um einen eigentlich vollkommen künstlichen Markt ohne reale Verkaufsobjekte wie auf dem Wochenmarkt. Die Zahlen müssen stimmen. Computer sind wichtiger als die Fähigkeit, einen guten Apfel auf den Markt oder im Restaurant eine gute Mahlzeit auf den Tisch zu bringen. Man muss eigentlich nicht viel davon verstehen, was man da verkauft, sondern es interessiert die Rendite. Auch Unsinn, der Rendite bringt, ist für private equity-Firmen eine gute Investition.

Man könnte meinen, das sei ja eine vernünftige Angelegenheit, weil es sachlich und nüchtern zugeht und nicht nach subjektivem Geschmack oder nach ideologischen Gesichtspunkten. Es wird aber auch eingewandt, dabei gehe jede Lebendigkeit verloren und es greife eine vollständige Fremdheit zwischen den Menschen und dem,was sie tun oder herstellen, um sich. Psychologen oder Soziologen sprechen von Entfremdung, und davon hat auch schon Karl Marx gesprochen. Für eine Bürgerinitiative ist das Muster der Rendite-Maximierung und der internationalen Verflechtung und Konzentration der Fonds-Konzerne bedrohlich, weil die Verfügungsgewalt über das, was uns umgibt, unsere Landschaft, unser Wasser, unsere Heimat immer mehr in Hände gerät, die kein Mensch mehr überblicken kann. Letztlich drohen Firmen die Herrschaft über die Welt auszuüben, wo es um die Sicherung und den Ausbau demokratischer Strukuren gehen sollte. Schon lange übersteigt die wirtschaftliche Kraft und Macht einzelner Unternehmen die von kleineren oder mittleren Staaten.

Schon mit AllianceBernstein als Dachgesellschaft von Kimmeridge Energy hatten wir es mit einem recht großen Wertpapierfonds zu tun. Jetzt kommen aber über das Verbindungsglied Neptune Gas&Oil die richtig Großen ins Spiel. Hinter Neptune stehen die Heuschrecken Carlyle Group (Nummer eins der Weltrangliste (1) ) und CVC Capital (Nummer sechs). Neptune ist eine englische Neugründung. Sie konkurriert in der Nordsee mit Firmen wie Chrysaor und Siccar Point, die kürzlich größere Pakete von Shell und der österreichischen OMV gekauft haben (2) . Siccar Point arbeitet dabei beispielsweise eng zusammen mit der Blackstone Group, auf der oben genannten Weltrangliste die Nummer vier.

Der Engie-Verkauf war gekoppelt an eine Verschiebung der Anteile an dem Verkaufspaket. Die größte chinesische Staatsfonds CIC investiert derzeit massiv in der Erdölbranche und hat seine Anteile an Engie E&P von vorher 30% auf nunmehr 49% erhöht, der „Rest“ geht an Neptune. CIC kauft auch englische Spirituosenfirmen und Hollywood-Rechte, ist also branchenbezogen nicht wählerisch – Hauptsache, es lohnt sich. Die private equity-Lektion haben die Chinsen schon gut gelernt (3).

Was ist also das Muster, der Trend? Die traditionellen Ölmultis wie Exxon, Shell, Chevron usw. geben nennenswerte Pakete ihrer Produktionsstätten ab oder steigen wie Engie ganz aus der Öl- und Gasförderung aus. Einsteiger sind vor allem frisch gegründete Firmen, deren Mitarbeiter zum Teil jahrzehntelange Berufserfahrung bei den „Großen“ mitbringen, die aber in einem engen Korsett stecken: den Renditerewartungen ihrer Geldgeber, und das sind nahezu ausschließlich Heuschrecken. Die neuen Firmen können ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie gegründet wurden. Die private equity-Struktur übernimmt den Energiesektor bei den fossilen Brennstoffen. Diese Sektoren sind aber extrem umweltbeeinflussend (meist schädigend), ihre weitere Nutzung widerspricht den politisch gewollten Klimaschutzzielen, Nur: Was die Politik will, interessiert die großen Gesellschaften nicht wirklich. Es sei denn, es geht um eine Entscheidung wie den deutschen Ausstieg aus den Atomkraftwerken. Da lösten sich Rendite-Erwartungen großer Firmen in Luft auf, und davon erholen sie sich nur schwer, weil sie die Zeichen der Zeit (Energiewende, neue Technologien) unzureichend berücksichtigt hatten.

Als Folgen solcher Prozesse wird häufig die öffentliche Hand gefordert. Wenn sich Gas und Öl nicht mehr rechnen, wird es auch in Niedersachsen zunehmend Situationen geben, wo Firmen verschwunden sind, ausgelöst, Konkurs gegangen usw., und es keinen Kostenträger für die Ewigkeitsaufgaben gibt. Diese bleiben nach Bergbautätigkeiten unbegrenzt bestehen, es geht um Sanierung und Renaturierung usw., und die Kosten können astronomische Höhe erreichen. Ein kleines Beispiel bietet die Deponie Brüchau in der Altmark. Das Land Sachsen-Anhalt hatte der Firma GdF Suez beim Kauf der dortigen Öl- und Gasvorkommen und der Altanlagen aus der DDR-Zeit zugesagt, bei eventuellen Spätfolgekosten 90% zu übernehmen. Nun sind diese Folgen offenbar geworden, es geht um eine Sanierung, die an die zwanzig Millionen Euro kosten kann. Davon wären 18 Millionen aus dem Staatssäckel zu tragen. Ein schlechter Deal – für den Bürger. Es wird vermutlich nicht der letzte schlechte Deal bleiben, über den wir staunen.

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_Private-Equity-Unternehmen
  2. http://www.reuters.com/article/us-engie-m-a-neptune-idUSKBN1870Y7
  3. http://www.handelsblatt.com/politik/international/cic-china-loest-sich-von-us-staatsanleihen/3289874.html

(Ingo Engelmann)

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