Kraniche über Bohrlöchern

DSC_5639Ist Öl die Energiedroge der Zukunft?

In den letzten Jahren wurde bei uns viel diskutiert über die Risiken der Gasförderung mit neuen technischen Möglichkeiten. Frackingpläne empörten die Bevölkerung. Konventionelle Gasquellen werden in den Regionen Rotenburg, Verden und Diepholz seit Jahrzehnten genutzt.

Aktuell ist aber eine fast überwunden geglaubte Energiequelle: Erdöl. Seit den zwanziger Jahren wird in der Südheide Erdöl gefördert. Man bohrt ein Loch, piekst den Ölvorrat an und saugt das Öl nach oben ab. Damit kriegt man durchschnittlich ca. 30% eines unterirdischen Lagers aus der Erde. Wenn man Pumpen installiert (diese nickenden Kopfpumpen, ich kenne sie aus meiner Kindheit im Kreis Celle – sie waren überall, und ein leichter Geruch nach Petroleum lag in der Luft) kriegt man noch einmal 10% mehr raus. Danach ließ man die Bohrlöcher in Ruhe, zementierte sie als Absicherung ein und zog weiter.

Auch in der Nordheide wurde nach Öl gesucht und manchmal etwas gefördert. Auf dem Stadtgebiet Buchholz sind fünf ehemalige Bohrlöcher verzeichnet (vier in Holm, eine in Sprötze). Heute ist da nichts mehr zu sehen, es wurde 2000m tief gebohrt, wohl nicht ausreichend Öl gefunden und das war’s. Einige Bohrstellen wurden ein paar Jahre lang betrieben (vor allem im Norden des Kreises Harburg, Maschen und Stelle). Sdchlaue Bauern zahlten die Lizenzgebühren weiter und sind so heute in der Lage, sofort wieder mit der Förderung zu beginnen. Entsprechende Anträge kann man kaum ablehnen.

Warum fangen die Firmen heute wieder an, „versiegte“ Ölquellen erneut zu erschließen und ausbeuten zu wollen? Weil (s.o.) in jedem konventionellen Öllager unter der Erde der größte Teil des Vorrats noch nicht ausgeschöpft ist. Insofern könnte man damit rechnen, dass fast alle der 16.000 Bohrlöcher in Niedersachsen in den nächsten Jahren wieder aktiviert werden. Ein paar fallen wegen in der Zwischenzeit ausgewiesenen Schutzgebieten aus, aber es bleiben genug übrig, um dafür ein paar tausend frisch asphaltierte „Fußballfelder“ in Niedersachsen entstehen zu lassen. Die neue Technik, die es lohnend scheinen lässt, die alten Bohrlöcher neu zu nutzen, ist eine modifizierte Fracking-Technik. Sie dürfte sich vom Gas-Fracking unterscheiden, vielleicht weniger Wasser und weniger Chemie benötigen, keiner kann das heute ganz genau voraussagen. Aber es werden Unmengen von Trinkwasser benötigt werden und es werden Unmengen von Lagerstättenwasser und Flowback zu entsorgen sein.

Was heißt das ganz konkret? Ein Einzelfall sei hier kurz skizziert. Im Feld Sittensen besteht eine alte Lizenz zur Ölförderungen für den Bereich Volkensen / Sothel. Die Firma PRD hat diese Lizenz erworben und will noch in diesem Monat den Antrag auf die Wiederaufnahme der Förderung von Öl stellen (dazu muss sie einen fachgerechten Betriebsplan vorlegen, da kann sie nicht wirklich viel falsch machen, der wird genehmigt). Die geplante Bohrstelle liegt zwischen Sothel und Hatzte bei Sittensen. Es ist eine Wiese inmitten von Waldstücken und Maisfeldern, einige Ställe für Massentierhaltung liegen um die Ecke. Windräder und Überlandleitungen zieren die Landschaft. Es handelt sich um eine Moorlandschaft, der Boden ist sauer. Nur wenige hundert Meter von dem Bohrloch entfernt liegt das Hatzter Moor, das zur Zeit geflutet wird: erst kürzlich hat der Umweltausschuss des Rotenburger Kreistages auf seiner jährlichen Tour durch „sein“ Reich diese vorbildliche Umweltschutzmaßnahme besichtigt. Hier entsteht ein Biotop, das dem überregional renommierten Tister Bauernmoor gleich zu stellen ist. Zur Zeit wird noch Torf gestochen, die Moorbahn fährt noch auf wackligen Gleisen zwischen den bereits gefluteten Bereichen. Das wird nicht mehr lange so sein, dann überlässt man die Natur wieder sich selbst. Bis auf PRD, die fördern nur wenige hundert Meter weiter Erdöl mit all den bekannten Nebenwirkungen (Verplempern von Lagerstättenwassern beim Transport, undichte Rohrleitungen, Verbrauch von Wasser und Vergiften des Bodens durch Versenkbohrungen für das Abwasser usw.).

Wer nach alten Bohrlöchern fahndet, findet immer wieder: man sieht nichts von der alten Technik, es ist alles oberflächlich bereinigt – aber es sind nahezu immer die idyllischsten Flecken unserer Landschaft, in denen gefördert wurde. Ob in Holm auf der zugewucherten Wiese, in Lüllau auf dem Hügel oder bei Hanstedt auf dem Töps. Oder eben nahe dem Hatzter Moor im Feld Volkensen. Wann endlich begreifen die Firmen (damals Prakla und Brigitta – heute PRD und Kimmeridge, also Exxon und Axa), dass wir unsere Landschaft dafür nicht zur Verfügung stellen und unser Trinkwasser davon nicht gefährden lassen wollen? Die Kraniche und Gänse über dem Hatzter Moor sind wichtig. Wer das Hatzter Moor in aller Ruhe besuchen möchte, muss den Bohrplatz um die Ecke lautstark kommentieren. Mal sehen, was den Leuten alles einfällt. (-ie)

Weitere Informationen zu den bewilligten Bohrstellen in Rotenburg und Verden:

http://www.vierlaender.de/archives/537-Neue-Loecher-in-Niedersachsen-bohren-Update.html

 

 

(Fotos: Hatzter Moor 02.10.2013, Ingo Engelmann)

Kommentare (13) Schreibe einen Kommentar

  1. „Energiewende“ hieß das Zauberwort nach dem Unfall in Fukushima. Ich lernte, was „erneuerbare Energien„ sind. Endlich ein Weg mit den Ressoucen der Welt verantwortlich umzugehen, da fiel das Lernen über alternative Energien wie z. B. Wind- und Solarenergie leicht.

    Dann kam das „Hydraulic Fracturing“, ein angeblicher Königsweg auch für uns, Gewinn versprechend, sorgenfrei, weg von natürlicher Energiegewinnung.
    So schien es vordergründig, dass das „unser Energieproblem“ schnell zu lösen wäre, so zu sehen in den Vereinigten Staaten und Kanada.
    Zurück unter die Erde mit Horizontalbohrungen, um Gas zu gewinnen. Unter Einsatz von viel Wasser und Chemikalien, die als „Flow back“ wieder an die Oberfläche kommen, zum heimischen Gas. Schnell in den Untergrund verpressen, was da aus Bohrlöchern zurück kommt – aus den Augen, aus dem Sinn.

    Nun auch noch „neues Öl aus alten Feldern“. Jetzt heißt die Zauberformel „Enhanced Oil Recovery durch Polymerfluten“. Ich lese über „neues Leben für siechende Quellen“ im norddeutschen Tiefland. Wieder kommen Begriffe wie Dampffluten, chemisches Fluten oder Gasfluten1.
    Immer selbstverständlich ohne Umweltschäden, weit weg vom Wohnort, in Mooren und anderen wirtschaftlich entlegenen Orten.
    Immer zu unser aller Wohlergehen, denn wir wollen ja nicht frieren und weiter Auto fahren.

    Wo ist unser Ziel geblieben, verantwortlich mit unserer Welt umzugehen?
    Beziehen wir Stellung! Wir sind gefragt, auch wenn man uns nicht fragt!

    1. http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=32573630

  2. Es ist schlichtweg gelogen, dass sich hinter PRD Energy ExxonMobil verbirgt. Warum zum Kranich sollte die EMPG eine kanadische Gesellschaft zum Zuge kommen lassen, wenn man doch als „Profitgeier“ selbst den wertvollen Rohstoff Erdöl gewinnen könnte? Unlogisch Ihre Argumentation!

  3. @ Istvan Adler, den furchtlosen Kämpfer für die Sache der Erdgasindustrie::

    „PRD announced that its wholly owned subsidiary, PRD Energy
    GmbH, has entered into two definitive agreements with
    ExxonMobil Production Deutschland GmbH (“ ExxonMobil „) to license all seismic, geological and production data held by ExxonMobil relating to PRD’s five production licences covering approximately 28,300 acres in the state of Lower Saxony, Germany“ (Originaltext PRD)
    Man wird solche Kooperation doch noch interpretieren dürfen. Exxon hat für 41 Milliarden Dollar den us-amerikanischen Gasförderer XTO gekauft. Wenn die was brauchen, öffnen sie das Protemonnaie. PRD wird so lange unabhängig bleiben, wie es Exxon gefällt.
    Ingo Engelmann

  4. Hallo Herr Engelmann,

    wieso titulieren Sie mich „Kämpfer für die Sache der Erdgasindustrie?“. Wenn überhaupt Kämpfer für irgendetwas, dann für eine soweit wie möglich unabhängige Information zur Erdöl- und Erdgasgewinnung im Inland jenseits der Unsachlichkeit und Angstschürerei. Die spannende Welt der Tiefbohrtechnik, der Erdöl- und Erdgasförderung (und auch der Tiefengeothermie) ist eben ein Hobby von mir seit Kindesbeinen an. Das dazu. Diesen Originaltext von PRD kenne ich selbstverständlich und das Gute ist, ich verstehe ihn, ohne dort irgend etwas hineininterpretieren zu müssen. PRD bekommt Daten vom ehemaligen Betreiber oder besser dem Rechtsnachfolger des/der ehemaligen Betreiber. Und das ist ExxonMobil. Im Gegenzug verpflichtet sich PRD, ExxonMobil im Erfolgsfall finanziell zu beteiligen. Eine Win-Win Situation für die Unternehmen. Ähnlich verhält es sich mit dem aktuell laufenden Projekt bei Werlte. Dort ist allerdings GDF-Suez der Partner.

    PS: Die BI gegen inländische Öl-/Gasförderung sorgen sich doch hauptsächlich darum, dass die Bohrungen das Trinkwasser verschmutzen könnten. Sind Ihnen eigentlich Fälle bekannt, dass infolge der mehreren 10.000 Tiefbohrungen auf Erdöl und Erdgas (plus noch einiger 1000 Erkundungsbohrungen nach gleichem Verfahren auf Erze, Kohle etc.), die in Deutschland abgeteuft worden sind, irgendwo Trinkwasser kontaminiert wurde?

  5. Herr Adler,
    lange Diskussionen mit Ihnen vermeide ich, weil sie ergebnislos verlaufen. Aber Ihr O-Ton Exxon&Konsorten (bisher ist doch alles gut gegangen) ist natürlich fahrlässig und naiv. Die in der Vergangenheit eingesetzten Fördermethoden haben das Trinkwasser bisher meines Wissens in Deutschland nicht nachweisbar verunreinigt. Es waren in Niedersachsen 160 Frac-Vorgänge, die technologisch weit hinter dem zurückblieben, was künftig auf uns zukommt. Die Zahl der Bohrstellen (16000 in Niedersachsen) wächst und erhöht Tag um Tag das Risiko, das trinkwasserführende Schichten vom verpressten Lagerstättenwasser oder ähnlichen Vergiftungen erreicht werden. In den USA sind Trinkwasserquellen nachweisbar durch Benzol und Methanol verunreinigt und somit unbrauchbar geworden. Das passiert dort in Gegenden mit hydraulic fracturing. Wir werden es hier nicht zulassen. Ihre Argumentation ist die des Mannes, der aus dem vierzigsten Stock eines Hochauses fällt und, als er am dritten Stock vorbeifliegt, sagt: Bisher ist ja alles gut gegangen.
    Ingo Engelmann

  6. Gilt der Spruch noch:
    Brunnen vergiften wird mit dem Tode bestraft….

  7. Zum Disput mit Istvan Adler in seinem Beitrag vom 15.10.13:
    In einem Beitrag von Dagmar Röhrlich über Die Gefahren des Hydrofrackings – Schiefergasproduktion begünstigt Verunreinigung von Trinkwasser -, gesendet im Deutschlandfunk am 10. 07.2012 , wird sehr wohl von wissenschaftlicher Seite nachgewiesen, dass das Trinkwasser gefährdet ist.
    Frau Röhrlich berichtete hier über Studien zu den Umweltfolgen. Sie schrieb: „Um diese umstrittenen Methode besser einschätzen zu können, erforscht eine Arbeitsgruppe an der Duke University, was bei der Produktion eigentlich passiert. Avner Vengosh:
    „In dieser neuen Studie konnten wir zeigen, dass Grundwasser aus den tiefen, Schiefergas führenden Schichten in einen flachen Grundwasserleiter aufsteigt, aus dem Trinkwasser gewonnen wird.
    Denn geochemische Untersuchungen zeigten im Trinkwasser sozusagen den Fingerabdruck der Lauge, die wir aus der Marcellus-Formation kennen. Störungszonen im Untergrund verbinden also den tiefen mit dem flachen Grundwasserleiter.“

  8. @ Herr Engelmann,

    Laut Angaben von ExxonMobil sind es über 300 Fracvorgänge in Erdgaslagerstätten in Niedersachsen. Mindestens 100 kommen in der Altmark hinzu. Eine mir nicht bekannte Zahl in Amelinghausen (Thüringen) zur Einrichtung des Gasspeichers (ehemalige Erdgaslagerstätte in nur 300 Meter Teufe). Alles ohne Probleme. Dass diese Maßnahmen in technologischer Hinsicht weit hinter dem zurückblieben als künftige Maßnahmen, ist eine unbelegte Behauptung Ihrerseits. Der wesentliche Unterschied zwischen Schiefergasfracs und Sandsteinfracs ist vor allem der, das bei erstgenanntem Verfahren sowohl Anzahl als auch Konzentration von Zusätzen geringer ist als bei zweiterem.

    Zu den angeblich nachgewiesenen Benzol- und Methanolkontaminationen, die zu Brunnenstillegungen geführt haben, wäre ein handfester Beleg (also eine peer-reviewte Studie) hilfreich. Glaube ich nämlich nicht. Denn zumindest Benzol ist kein gängiger Bestandteil von Fracfluiden. Und zu Ihrem merkwürdigen Gleichnis: Ich berufe mich nach wie vor auf Stellungnahmen der Regulierungsbehörden in den USA, die sämtlichst bestätigen, dass es KEINEN nachgewiesenen Fall bei millionenfacher Fracanwendung gegeben hat, wo Trinkwasser kontaminiert wurde. Wobei: Einen Fall soll es in den 80ern noch vor dem Shalegasboom gegeben haben. Ein Fall bei inzw. fast 3 Millionen Fracmaßnahmen weltweit. Beeindruckend wenig!

    @ Nati: In Ihrem Zitat steht lediglich, dass es natürliche Verbindungen („Störungszonen“) zwischen der Schiefergaszone und den Trinkwasserschichten gibt. Das Trinkwasser ist somit durch natürliche Bedingungen gefährdet (Aufstieg von Salzwasser durch diese vorhandenen Zonen) und nicht durch Fracmaßnahmen. Da hat Frau Röhrlich mehr hineininterpretiert als gesagt wurde. Ist leider gang und gäbe bei Journalisten. Interessanter wäre ein Link zur Studie von Vengosh und Co. gewesen, anstatt der Sekundärquelle DLF. Aber das fällt mir regelmäßig auf, dass Frackinggegner sich auf Sekundärquellen berufen und nicht auf die originäre Quelle.

  9. Danke für den Link, Nati: ” Geochemical evidence for possible natural migration of Marcellus Formation brine to shallow aquifers in Pennsylvania” ist dort zu lesen. Also da steht GENAU das, was ich in meinem Beitrag schrieb. NATÜRLICHE Bedingungen sind der Hintergrund für Salzwasseraufstieg und nicht „Fracking“. Zitat aus dem Abstract: „The occurrences of saline water do
    not correlate with the location of shale-gas wells and are consistent
    with reported data before rapid shale-gas development in the re-
    gion“. Und auch dieser Satz auf der verlinkten Seite ist interessant: „Study Finds No Evidence of Water Contamination from Shale Gas Drilling in Arkansas“. Hups, kein Beleg für Wasserverschmutzung durch Bohrungen nach Shale Gas. Und seit wann liegt Deutschland in den Appalachen und seit wann die Lüneburger Heide in prospektiven Schiefergasgebieten? Soviel zu den „Sachargumenten“.

  10. Häuptling lahme Schwinge mal wieder…
    Stimmt, diese Studie findet keinen Beleg fü eine Kontamination. „Nur“ für die Existenz von Kontaminationspfaden, die es doch angeblich gar nich gäbe…

  11. Häuptling Lahme Schwinge schrieb:
    > Alles ohne Probleme.

    Kollabierte Verrohrungen, Kommunikation mit Nachbarbohrungen, hydraulische Kurzschlüsse durch >1000 m Deckgebirge dank fehlgeschlagener Bohrungen, die dann nicht mehr verrohrt noch zementiert werden konnten…
    Alles ganz ohne Probleme hierzulande…

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