Süddeutsche Zeitung färbt Fracking schön

Die Süddeutsche Zeitung stellt in der Überschrift eines ganzseitigen Artikels über Fracking zu Allerheiligen fest: „Zeit für eine ernsthafte Debatte“. Stattdessen druckt sie darunter dann einen Artikel ab, der mit Halbwahrheiten, Scheuklappen und einer fragwürdigen journalistischen Ethik zu überzeugen sucht: Deutschland brauche eine eigene Gasförderung, und Fracking sei halb so wild. Damit reiht sich die Süddeutsche ein in die aktuelle Medienoffensive Pro-Fracking: Panorama sendete einen heftig kritisierten Verharmlosungs-Beitrag, Exxon veröffentlicht ganzseitige Beruhigungsanzeigen z.B. in der ZEIT (wir scheuen keine unkonventionellen Wege…“ (1), die Lobby-Maschine der Wirtschaft in Berlin und Brüssel läuft heiß, und die Süddeutsche will nicht abseits stehen.

Worum geht es inhaltlich?
In der Gasförderung sind seit ca. 15 Jahren neue technische Verfahren eingesetzt worden, insbesondere in den USA, die ebenso „Fracking“ genannt werden wie die konventionellen Förderverfahren der letzten Jahrzehnte, die es auch in Deutschland schon lange gibt. Der Boom und die Nebenwirkungen in den USA führten zu vermehrter Aufmerksamkeit einer kritischen Öffentlichkeit. Einige der Nebenwirkungen sind: brennende Wasserhähne (Film „Gasland“), Erdstöße in den Niederlanden und weiter über die Grenze bis weit nach Niedersachsen hinein (Verden, Rotenburg/Wümme), Gesundheitsschäden nahe Versenkbohrungen für Lagerstättenwasser und Gasfackeln (Niedersachsen). Während sich immer mehr Bürger in die Materie einarbeiteten, wurde deutlich: Diese Nebenwirkungen haben wir nicht dem modernen Fracking zu verdanken, denn es wird in Deutschland derzeit gar nicht praktiziert. Vielmehr sind es Nebenwirkungen des ganz normalen Gasbohrens. Folgerichtig heißt das Portal der über fünfzig Initiativen gegen die Risiken bei der Gas- und Ölförderung seit Jahren „Gegen Gasbohren“.

Die Gegenstrategie der Gas- und Ölfirmen setzte auf Verharmlosung.

Es wurde nicht diskutiert, ob der Wasserhahn gebrannt hat – das war unstrittig. Es wurde nur noch betont, dass die neue Fracking-Technologie dafür nicht verantwortlich zu machen sei. Bei den Erdstößen war es ähnlich: Es bebte weiter – aber nicht das Fracking war schuld (wie auch in Rotenburg, da wird seit Jahren nicht gefrackt), und damit endete die Argumentation der Firmen. Dabei ist es doch viel schlimmer: Nicht die neuen, invasiveren und riskanteren Techniken bedrohen uns aktuell – es ist die ganz normale Gasförderung der letzten Jahrzehnte. Darüber sprechen die BIs.

Herr Frey setzt in seinem Artikel auf die Wissenschaft. Er suggeriert, die Gegner der Gasförderung seien irgendwelchen verschwiemelten Mythen von Pest und Hölle auf den Leim gegangen, die sich im „kulturellen Gedächtnis“ festgesetzt hätten. Die Wissenschaft hingegen sehe das Fracking gelassen und sachlich. Wie z.B. Herr Dannwolf, Mitautor der großen UBA-Studie vom Sommer dieses Jahres, die überraschenderweise vom Umweltbundesamt selbst in Zusammenschau mit ihrer ersten, etwas älteren Studie ganz anders interpretiert wird als Herr Dannwolf es gern hätte. Früher hat er bei einer Firma gearbeitet, die sich ganz den Umweltfragen widmete – und deren Muttergesellschaft einer der großen Ausrüster von Bohrprojekten weltweit ist. Der andere Gewährsmann der Süddeutschen ist Herr Burri von der SASEG, einer Berufsvereinigung von „Petroleum-Geologen“ (2). Früher arbeitete er bei BASF, Shell und Wintershall. Der sagt, man könne Wählerstimmen gewinnen, wenn man Angst schüre (es geht aber doch wohl eher um ganz andere Gewinne, die die Firmen machen – und davon allenfalls einen kleinen Teil in Form von Lizenzgebühren an die Länder weitergeben). Ein weiterer Wissenschaftler ist Herr Kümpel (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe), der die wegweisenden Expertisen zur Lagerung von Atommüll in der Asse zu verantworten hat. Dannwolf und Kümpel waren schon der Expertenkreis für die tendenziöse Panorama-Sendung vom 9.9.2014 (3).

Aber dann geht es auch um Sachthemen. Fracking gebe es seit der Nachkriegszeit – na ja, in Deutschland mit zögerndem Beginn ab den frühen sechziger Jahren, okay, Nachkriegszeit… In „Sand- und Tonschiefer“ werde gefrackt, aber an die Tonschiefer kommt man wirtschaftlich erst mit den modernen Fracking-Methoden heran, das wurde in Niedersachsen dreimal in Damme vor fast zehn Jahren probiert. Das war’s mit Tonschiefer, Herr Frey. Das Fracking-Fluid sei mittlerweile so harmlos, dass man es trinken könne – wohl, wohl, aber ob das Zeug funktioniert, weiß noch keiner, weil es zwar entwickelt, aber noch nie eingesetzt wurde. In den USA wird weiter mit anderen Kalibern gefrackt, nur für Europa hat man weltbewusst-ökologisch weitergedacht in den Firmen, so wie man eben immer das Verfahren sucht, mit dem man innerhalb der geltenden Gesetze gerade noch durchkommt. Es könne nicht ausgeschlossen werden, schreibt Frey, dass die geologischen Barrieren nach oben durch Salzstöcke durchbrochen werden. Nein, Herr Frey, das ist nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern es ist sicher. Bei uns in Norddeutschland finden wir Salzdiapire, die pilzförmig aus tausend oder zweitausend Meter Tiefe bis knapp unter die Oberfläche geschossen sind. Nicht hier oder da, sondern überall. „Auch könnte es alte, schlecht dokumentierte Bohrungen geben“… Niedersachsen weist nach offiziellen Angaben ca. 16.000 Bohrungen auf. Die gehen durch die trinkwasserführenden Schichten, durch eiszeitliche Rinnen mit wertvollen, uralten Wasservorräten. Am 3.11.2014 berichtete das NDR-Fernsehen von einer alten Bohrstelle nahe einem niedersächsischen Naturschutzgebiet, das seit 1984 aus der Bergüberwachung entlassen ist, weil da nichts Gewinnbringendes mehr mit anzufangen war. Direkt unter der Erde findet man einen Benzolgehalt, der um das Zehnfache über dem Wert liegt, der Maßnahmen seitens der Behörden erzwingt (4). Die wollten es aber seit Monaten einfach nicht wahrhaben. Stimmt, Herr Frey, schlechte Dokumentation und Schlendrian, sowas könnte es geben…

„Ohne fossile Brennstoffe wie Gas wird die Energiewende nicht gelingen“, schreibt Herr Frey dick in einer Zwischenüberschrift. Der Sachverständigenrat beim Bundesumweltministerium (SRU) hat vor über einem Jahr in einer ausführlichen Stellungnahme festgestellt, dass Gas aus Frack-gestützter Bohrtätigkeit für die Energiewende weder erforderlich noch nützlich ist. Der SRU ist ein wissenschaftliches Gremium, das sicher weniger wirtschaftsnah ist als die Gewährsleute von Herrn Frey, als z.B. die SASEG (die ihre links in vier Gruppen unterteilt: „Bundesämter“, „Organisationen Schweiz“, „Organisationen International“ und „Industrie“ (5). Oder als die Acatech, in deren Präsidium auch Vertreter der Investmentbank JP Morgan, der Lufthansa und der Münchner Rück sitzen (6).

An keiner Stelle erwähnt Herr Frey die aktuelle Situation in Deutschland. Quecksilberwerte in der Nähe von Bohrstellen sind zum Teil deutlich erhöht, was zu einem umfangreichen Messprogramm der Aufsichtsbehörde LBEG geführt hat (7). Unklare, aber signifikante Erhöhungen von Leukämie- und Lymphomerkrankungen bei einzelnen Bevölkerungsgruppen in Niedersachsen (Kreis Rotenburg/Wümme) führen zu genaueren Untersuchungen von Kreis- und Landesgesundheitsämtern. Methan wird weiter in den meist nächtlichen Himmel abgefackelt. Und dann sind da noch die ganzen größeren und kleineren Unfällen und Störungen, die hier nicht alle aufgelistet werden können – allein in diesem Jahr waren es zu viele. All das zu einem großen Teil entdeckt von den BIs und gegen teilweise massive Widerstände und Abwiegelungen durch Ämter und Politik an die Öffentlichkeit gebracht.

Zeit für eine ernsthafte Debatte! Aber nicht so, Herr Frey.

(1) http://www.erdgassuche-in-deutschland.de/dialog/offener_brief_ueber_fracking_reden/index.html

(2) http://www.saseg.ch/cms/index.php/de/oeffentlichkeit-de/2-uncategorised/131-public-relations-oeffentlichkeit-relations-publiques-2

(3) http://orig.www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama_die_reporter/Angst-vor-Fracking,panorama5228.html

(4) http://orig.www.ndr.de/fernsehen/sendungen/markt/Giftiger-Bohrschlamm-im-Boden,markt9028.html

(5) http://www.saseg.ch/cms/index.php/de/links-de

(6) http://www.acatech.de/de/ueber-uns/organisation/praesidium.html

(7) http://www.lbeg.niedersachsen.de/startseite/bergbau/messergebnisse/quecksilberbelastung_an_erdgasfoerderstellen/untersuchungsergebnisse-zur-quecksilberbelastung-an-erdgasfoerderstellen-126155.html

Den Artikel „Angst vor der Tiefe“ von Andreas Frey in der Süddeutschen Zeitung vom 31.10./1.11./2.11.2014, S. 38, habe ich im Archiv der SZ nicht finden können.

(Ingo Engelmann)

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