(V)Erpressung

Die Entsorgung (aus den Augen – aus dem Sinn) der giftigen Lagerstättenwässer aus Gas- und Ölproduktion erfolgt traditionell durch Verpressen oder Versenken in alte Bohrlöcher. Jürgen Schulz vom Sprecherrat der BI „Kein Fracking in der Heide“ hat einfach mal beim LBEG nachgefragt, welche Größenordnung das bei der Verpressstelle Wittorf m Kreis Rotenburg (Wümme) hat. Es ist ja immer gut, wenn man sich ein bisschen vorstellen kann, worum es geht. Wittorf ist eine von sechs Verpressstellen im Kreis Rotenburg und bei weitem nicht die Größte. Aber sie liegt uns sozusagen am Herzen, weil wir sie bei unserer Reise durch das Rotenburger Land gesehen haben (siehe Bericht vom 29.07.2013). Frau Schmidt, die freundliche Stimme des LBEG, hat seine Fragen präzise beantwortet. Jetzt wissen wir:

Das Giftwassser wird in Wittorf tiefer als 932 Meter versenkt in eine Gesteinsschicht, die den Namen „Maastricht Kalkarenit“ trägt. Insgesamt wurden bisher 667.468 m³ verpresst (Stand 31.12.2012), es dürfen pro Jahr bis zu 40.000 m³ hinzukommen. Eine zeitliche Beschränkung gibt es nicht, in neun Jahren ist damit möglicherweise die Millionen-Grenze überschritten. Eine Höchstmenge wurde nicht festgelegt.

Ich rechne nach: Ein Schwimmbecken von 25 mal 20 Metern und 3 Meter Tiefe fasst 1.500 m³. Ungefähr vierhundertvierzig solcher Schwimmbecken voll Giftwasser blubbern unter Wittorf im Kalkarenit. Finden Sie das beruhigend? Und: eine Höchstmenge wurde nicht festgelegt – ja wo sind wir denn nun? Darf solange verpresst werden, bis es oben wieder rauskommt?
Im Jahr 2012 hat der damalige niedersächsische Wirtschaftsminister Bode eine Anfrage im Parlament zu Fragen der Verpressung in der Region Rotenburg / Verden beantwortet. Er schrieb: „Aufgrund der jahrzehntelangen Erdöl- und Erdgasgewinnung in Niedersachsen findet das Versenken von Lagerstättenwasser seit jeher statt, so dass auf umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit dieser Technologie zurückgegriffen werden kann.“ Und er schlussfolgert: Bisher ist immer alles gut gegangen. Man könnte hinzufügen: und keiner weiß warum. Der Gesamtsalzgehalt der bei Verden verpressten Wässer liegt bei 63 Gramm pro Liter, Hauptbestandteile sind Chloride, gefolgt von Natrium und Calcium. Quecksilber findet sich im Lagerstättenwasser von Völkersen nicht. Die Verpresstiefe liegt in Völkersen bei 1000 Meter, es gibt in Niedersachsen auch Verpressstellen, wo nur 500-600 Meter tief versenkt wird (Staffhorst; Mellinghausen). Und, besonders pikant: es gibt seit 1999 eine Ausnahmegenehmigung für das Verpressen im Trinkwasserschutzgebiet Panzenberg, aber da kann sich der Minister kurz fassen: Dafür ist der Landkreis Verden zuständig. Mehr sagt er dazu nicht – man liest es und ist fassungslos. Keine Zuständigkeit – also keine Meinung, keine Aussage, keine Einflussnahme, keine Politik. Ein Minister demontiert sich selbst, beginnend am Kopf. Die Landrätin in Verden will die Ausnahmegenehmigung eigentlich zurücknehmen, aber es werden Schadenersatzansprüche in unbekannter Höhe gefürchtet. So geht (V)Erpressung.
In derselben Antwort geht Herr Minister Bode auch auf die von Benzol zerlegten Polyethylen-Rohre ein, die im Kreis Verden für erhebliche Bodenvergiftungen gesorgt hatten. Er stellt richtig: „Es trifft nicht zu, dass das LBEG die Genehmigungen für die Errichtung und den Betrieb von Kunststoffrohrleitungen zum Transport von Lagerstättenwasser verlängert hat, da diese Genehmigungen üblicherweise unbefristet erteilt werden.“ Für solche Formulierungen wird man dann üblicherweise kurze Zeit später abgewählt.
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Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Fraglich ist, welche Haftung die explorierenden Unternehmen trifft hinsichtlich Umwelt­schäden und insbesondere der Verunreinigung des Allgemeinguts Wasser. Ist die gesetzli­che Lage wirklich ausreichend – sei es nach dem Wasserhaushaltsgesetz (§ 69), dem Bergbaurecht (§§ 114, 120) oder gar dem StGB (Gewässerverunreinigung § 324 StGB; Bodenverunreinigung § 324a; 330a Schwere Gefährdung durch Freisetzung von Giften)?
    Gerade der Nachweis der Kausalität von Verunreinigung in großer Tiefe – beispielsweise von urzeitlichen Grundwasserlagerstätten dürfte schwer fallen. Dazu kommt auch, dass die Haftung der Verantwortlichen Firmen und deren Organe, die zum Teil (wie im Fall vom Blue Mountain Exploration LLC) in fernab und im Geltungsbereich anderer Rechtsordnun­gen ihren Sitz haben, schwer durchsetzbar sein wird. Eine mögliche Haftung greift auch immer erst a posteriori – irreparable Schäden an einzigartigen Umweltgütern wie Trink­wasser und wertvollen Böden sind dann längst eingetreten. Man bedenke nur, dass weni­ge Tropfen Mineralöl große Mengen Trinkwasser zerstören können. Die Frage stellt sich also vielmehr nach dem präventiven gesetzlichen Schutz und der ist nach aktueller Lage unzureichend.

  2. zur Zeit machen die was sie wollen und das LBEG akzeptiert die Betriebspläne.

  3. Pingback: Fragen und Antworten zur Müll-Verklappung in der Bohrung Wittorf Z1 | BOHRPLATZ

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